Pastorin Birgit Berg

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Ich grüße alle, die auf diese Seite gestoßen sind. Insbesondere euch, die ich eine Wegstrecke begleitet habe und denen ich die schwerste Zeit etwas heller machen konnte.

Bleibt behütet!
Herzlich, Birgit Berg

Ein bisschen zu mir und warum ich tue, was ich tue.

Als Krankenhausseelsorgerin im Geburts- und Pränatal-Zentrum des UKE (Universitätsklinik Eppendorf in Hamburg) und des Klinikums Barmbek begleitete ich zehn Jahre lang Mütter, Väter, Geschwister und Mitarbeitende in der existenziellen Not, wenn Kinder vor, unter oder kurz nach der Geburt sterben. Immer wieder kam es zu schwerwiegenden Entscheidungsprozessen, da Kinder in der Diagnostik Besonderheiten zeigten, die den Weg ins Leben nicht möglich machten. Regelmäßig wurde ich in die Beratungen der Ethischen Kommission einbezogen. Meist habe ich diese Kinder auch bestattet. Weitere Erfahrungen sammelte ich im intensivmedizinischen Bereich für Erwachsene und gab Fortbildungen für Mitarbeitende, Ärztinnen und Ärzte zu Themen wie Sterbebegleitung, Gespräche mit Angehörigen, Begegnungen mit dem frühen Tod und leitete kollegiale Beratungen für Einzelfälle.

2017 03 27 16.42.41Der Weg des Verlustes beginnt, wenn etwas mit dem Kind nicht stimmt. Ich hatte viele Gelegenheiten herauszufinden, was den Eltern hilft, ihren Weg zu finden. Die plötzlich „ganz andere Situation“ macht hilflos, orientierungslos, es ist kaum greifbar, was kommt. Mütter und Väter brauchen Orientierung, Übersicht und Aussicht darüber, worum es jetzt geht, über Möglichkeiten, was zu tun und zu bedenken ist, um die liebevolle Bindung und Fürsorge zum Kind zurück zu spüren. Trotz Schock und Ohnmachtserfahrung ist dann ein „ins Trauern bringen” möglich und der Zugang zur eigenen „Kraft der Gestaltung” wird frei. Angebotene Rituale und die Selbstwirksamkeit der Mütter und Väter orientieren, stabilisieren und richten auf.

Was ich hier beschreibe, ist für mich gleichzeitig Auswertung und Erfahrung, dass mit dieser Art der Begleitung eine hilfreiche Trauer- und Traumabewältigung eingeleitet und möglich wird. Ich nenne es „einen Schritt voran folgend“, weil ich vorwegnehmend beschreibe, was kommen wird, was getan werden kann, denn ab dem Moment der Gefährdung des Kindes beginnt für die Eltern die Auseinandersetzung mit einem möglichen Abschied.

Zur besseren Begleitung dieser meist schwer traumatisierenden Situationen ging ich in eine 2-jährige Weiterbildung „Traumazentrierte Seelsorge”, einige Jahre später in eine 2-jährige Traumatherapeutische Ausbildung, nach dem Wechsel ins Friedhofspfarramt. Die Erkenntnisse aus der Traumaforschung haben mich viele Reaktionen besser verstehen gelehrt und mich darin bestärkt, wie wichtig Einbindung und Beteiligung der Trauernden im Abschiedsritual sind, was für jeden Abschied und jede Beisetzung gilt. signal 2019 03 24 184147Ich habe erfahren, dass aus einem Trauergespräch und einer Abschiedsfeier eine neue Lebensorientierung werden kann. Diese existenzielle Bruchstelle löst oft Erinnerungen und Gefühle früher erlebter und überlebter Traumata aus. Dafür meine Erfahrungen einsetzen zu können, erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Im Rückblick schätze ich sehr die im Studium gesammelten praktischen Erfahrungen in der Telefonseelsorge; ebenso die Ausbildung in Integrativer Logotherapie u.a. nach Inhalten von Viktor Frankl, mit der Paradoxen Intention, der Werteorientierung und den sinnzentrierten Gesprächen, mit Ansätzen aus der Psychotraumatologie.
Einige Jahre war ich als Pastorin in Südamerika, dann viele Jahre Gemeindepastorin und Heimseelsorgerin in einer Einrichtung für suchtkranke Menschen. In mir hat sich das alles verbunden, so dass ich intuitiv gestalte und berate und so die Selbstwirksamkeit der Betroffenen stärken kann und gleichzeitig mein Innerstes zu schützen weiß.

Ich habe die einfachste Sprache mit Gesten verbunden und christliche Rituale in ungewöhnlichen Situationen eingesetzt. Dabei habe ich erlebt, wie sich ihre tragende Kraft nicht nur auf christlich geprägte Menschen auswirkt.

 


Pastorin Berg Sargtraeger Ohlsdorf 08 2020Birgit Berg kommt selbst zu Wort über die Arbeit im Friedhofspfarramt, Carlo v. Tiedemann führte das Interview. Veröffentlicht 2015


Wir gehen auf Friedhöfe

NdK 3 2019 editedWir gehen auf Friedhöfe, immer wieder zu den Gräbern unserer Vorangegangenen. Wir bringen Blumen, grüne Zweige mit und ehren an der letzten Ruhestätte unsere Lieben, drücken so unsere Liebe aus und unseren Respekt, halten Gedenken, oder tun manchmal einfach nur unsere Pflicht.  Für eine lange Zeit ist das Grab für viele eine wichtige Adresse, dort können wir die Verstorbenen besuchen.

Der Tod gehört zum Leben dazu. Niemand, egal ob reich, ob arm, kommt daran vorbei, in seinem Leben Brüche und Verluste zu erleben. Denn wir sind zerbrechlich. Wir wissen, dass wir alle einmal sterben werden, doch es sterben auch die, die wir liebhaben, und manchmal auch Kinder.

Und es tut gut, wenn wir in unseren Lebensräumen Platz lassen für Trauer und Abschied. Ich glaube, das ist es auch, wohin uns unsere Zerbrechlichkeit und die Angst vor dem Tod rufen. Dass wir innehalten, uns auf diese Wahrheit einlassen, gegen den ersten Schreck, dass der Tod Teil unseres Lebens ist. Sterben ist nicht etwas, was erst später kommt, sondern hier und jetzt mitten in unserem Leben geschieht. Allein schon diesen Gedanken zuzulassen, lässt uns handlungsfähig werden, wenn der Tod in unser Leben tritt. Wir finden dann unsere eigene, persönliche Gestaltung für einen Abschied und die Bestattung. Es gibt viele Möglichkeiten, den Weg der Trauer zu gestalten, damit Verlust und Brüche einen befriedeten Platz in unserem Leben finden.

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Diese Welt ist einerseits der schönste Ort für uns zu leben, aber es ist auch ein Ort zum Fürchten. Und ich glaube, es ist die größte Herausforderung, die uns das Leben stellt, dass wir trotz der Brüche und Verluste in unserem Leben uns immer wieder trauen, neu zu lieben. Ich persönlich glaube daran, dass es den Himmel gibt. Einen Ort, wo unsere Vorangegangen von Liebe umhüllt sind, weil die Liebe stärker ist als der Tod. Wie es da aussieht und wo das ist, das weiß ich auch nicht.


Verluste am Anfang des Lebens sind traumatisierende Ausnahmesituationen

In den neun Jahren im Geburtszentrum der Klinik Barmbek als Krankenhausseelsorgerin habe ich verstehen gelernt, dass Komplikationen, überraschende Befunde, ungewollte Entscheidungssituationen, Angst um das Kind und Angst um die Mutter eine ganz besondere Last sind, weil es um die Zerbrechlichkeit am Anfang des Lebens geht.  Noch nie war man so ohnmächtig und hilflos. Viele Fragen steigen auf, denn man hat keine Ahnung, was nun kommt, wie es weiter geht. Mütter/Väter brauchen jemand, der diesen Weg beschreibt, Möglichkeiten entfaltet, Wissen vermittelt, aufzeigt, was mitten in diesem größten Verlust trotzdem liebevoll getan werden kann und was gut tun wird. Steht der Tod am Anfang des Lebens, werden die Kinder in der Außenwelt in der Regel nicht wahr wahrgenommen. Diese schweren Verluste werden leicht übersehen und bewegen und prägen meist den weiteren Lebensweg nachhaltig. Mit den folgenden Worten aus einem Brief einer Großmutter, mit denen sie die Sorge um ihre Tochter ausdrückt, die gerade ihre erste eigene Tochter verloren hat, wird deutlich, wie stark diese Verluste in den Familien spürbar sind und sich auswirken. 

Paula kam in der 22. Schwangerschaftswoche tot zur Welt, ihre Großmutter, die Mutter ihrer Mutter, schrieb mir diese Worte:

“…Sie haben sich so rührend um unsere Tochter und ihren Mann gekümmert, als beide so unerwartet ihre kleine Tochter verloren haben.
Für uns als Eltern war es wirklich tröstlich, dass sie für die beiden da waren. Wir sind so unendlich hilflos, bei dem, was geschehen ist. Wir möchten unserem Kind, unserer Tochter, jeden Schmerz ersparen und Schaden verhindern, und wir können es doch nicht!
Gerade waren wir noch glücklich und entspannt mit unserer Tochter beim Einkaufsbummel, um für unser Enkelkind ein wenig einzukaufen und haben uns gemeinsam auf das Kind gefreut. Plötzlich musste unsere Tochter zur Beobachtung in die Klinik. Natürlich hofften wir, dass alles gut ausgeht. Täglich waren wir da und einmal konnte ich als “werdende Oma” das kleine Wesen unter meiner Hand spüren. Als hätte sich ein Schmetterling bewegt. Das hatte mich zutiefst berührt. Am nächsten Tag geschah das Unfassbare! Paula kam unaufhaltbar tot zur Welt. Nun weiß ich, die kleine Paula hatte sich von mir verabschiedet! Selbst nach so langer Zeit bin ich darüber noch unendlich traurig…”