Mütter

Gedanken zum Muttertag von unsichtbaren Müttern

Zu früheren Muttertagen erinnert sich die Mutter von Lasse vor allem an die Dankbarkeit ihrer Mutter über ihre Kinder: “Ihr seid das größte in meinem Leben”, sagte sie immer. Und als sie selbst dann ihren Sohn Lasse tot entbinden musste, war es für sie wie Mutter werden im Zeitraffer, wie unter der Lupe. Sie erlebte alles, was eine Mutterschaft ausmacht.  Überwältigende Freude über die Erwartung eines Kindes, die Schwangerschaft, mit all den Sorgen. Kann ich das? Werde ich eine gute Mutter sein? Und sie erlebte die Ängste. Dass plötzlich alles ganz anders war und nichts in Ordnung. Schwere Entscheidungen mussten getroffen werden. Sie erlebte die Ohnmacht, musste zusehen und aushalten, dass Lasse einen ganz eigenen Weg geht und sie nichts daran ändern kann. Lasse starb und entschwand in eine ganz eigene Welt.

Liandacht 4

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Eine Mutter erzählt, dass sie normalerweise ihre Mutter zum Muttertag anruft, eine Karte schreibt und Blumen mitbringt. Beim Gedanken an den nächsten Muttertag wird ihr bewusst: „Ich bin ja selbst auch Mutter – und das schon seit ein paar Jahren! Nur mein Sohn wird mir keine Blumen bringen können“. Ihr Sternenkind kam in der 22. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Sein Bruder ist mittlerweile ein halbes Jahr alt. Dass beide Söhne zur Familie dazu gehören ist ihr auch besonders am Muttertag bewusst.


2016 war Sonja zum Muttertag mit Birla schwanger, sie dachte, “nun gilt der Muttertag auch für mich – eine schöne Vorstellung”. Doch es kam alles ganz anders als erwartet. Ihre Tochter starb in der Schwangerschaft und Sonja wurde Unsichtbare Mutter von Birla. Am darauffolgenden Muttertag war Sonja dann mitten in einer Folgeschwangerschaft und sichtbar werdende Mutter eines Geschwisterkindes. Sie trug Birla in und ihren kleinen Bruder unter dem Herzen. Alles ging gut und ihr mittlerweile 3-jähriger Sohn kommt mit zum Friedhof etwas für Birla pflanzen.
In diesem Jahr ist Sonja zum kommenden Muttertag wieder schwanger. Sie trägt Birla für andere unsichtbar im Herzen, ihren Sohn sichtbar an der Hand und ein weiteres Geschwisterkind inzwischen deutlich sichtbar unter dem Herzen. Manchmal kommt es ganz anders und das Leben lässt aus schweren Erfahrungen Gutes erwachsen.

In ihrer ersten Mutterrolle für Birla kam Sonja nicht dazu, nachts aufzustehen, um sie zu stillen oder zu wickeln. Aber Sonja musste für ihre Tochter eine Entscheidungssituation aushalten und ertragen, dass ihre Tochter nicht ins Leben ging. Dieser Seite der mütterlichen Verantwortung zu gedenken, dafür sollte der Muttertag auch Raum geben.

Birlas Grab - 4. Geburtstag

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Eine unsichtbare Mutter spricht für ihre still geborene Tochter Svea: “Die allgegenwärtige Werbung verspricht einen Tag pur von Dankbarkeit und Glück. Tatsächlich ist der Muttertag für Mütter, deren Kinder während der Schwangerschaft, in oder nach der Geburt gestorben sind, zwiespältig und von ambivalenten Gefühlen geprägt. Wehmut über das, was sein könnte, wenn alle Kinder leben würden, die sich auf den Weg gemacht hatten, mischt sich mit Dankbarkeit für das, was sein konnte und für das, was ist. Nicht nur die lebenden Kinder machen einen zu Mutter und Vater. Unsere still geborenen Kinder begleiten uns auf unserem Lebensweg – für andere unsichtbar, für uns spürbar in unseren Herzen und Gedanken.”


Stauden Lichtergarten

Eine unsichtbare Mutter von Zwillingen, die beide nicht im Leben bleiben konnten, sagte zum Muttertag: „Warum ziehen wir unsichtbaren Mütter nicht mit einem pinken Bollerwagen los und gestalten den Tag, wie er uns guttun würde? Schon sich damit selbstverständlich als Mutter zu zeigen und auch wahr genommen zu werden, tut so gut. Auch wenn Kinder sterben, bleibt doch die Liebe und die Verbindung. Wie könnte also der sinnbildliche pinke Bollerwagen für uns unsichtbare Mütter aussehen? Lasst uns doch unsere Kinder symbolisch einladen und uns vorstellen, was sie uns an diesem Tag sagen und wünschen würden, vielleicht: „Danke, dass du unsere Mama bist!“; „Schön, dass wir zusammen auf dem Weg sind!“;   „Wie schön, dass ich zur Familie gehöre!“; und es fühlt sich doch gleich vollständiger an – so ein Muttertag.”