Folgeschwangerschaften

Babybauch Friedhof


Ein Kind im Herzen und zwei Kinder an der Hand

Ich bin Linda und mit meinem Mann sind wir eine glückliche, fünfköpfige Familie. Auch wenn man es nicht gleich sieht, wir tragen ein Kind im Herzen und zwei Kinder an der Hand.

Fusstapsen

Keine meiner Schwangerschaften (SSW) war unbeschwert oder wunderbar. Die erste Schwangerschaft war vom ersten Moment an nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich war durchgängig von einer Schwere getragen, als ob etwas in mir meine Kraft heraussaugt. Tatsächlich mussten wir unsere erste Tochter Clara in der 21. SSW hergeben und zu den Sternen zurückschicken.

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Während der Schwangerschaft versuchten Ärzte mich erfolglos zu beruhigen. Ich zahlte zusätzliche Ultraschalls, weil in mir das Gefühl blieb, irgendetwas stimmt nicht. Kaum schenkte ich den Ärzten Vertrauen und ließ mich fallen, kam die Untersuchung in der 20. SSW.

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Während des Ultraschalls wurde die Ärztin nervös. Ohne ein Wort ging sie und holte eine Kollegin, beide studierten dann wortlos den Bildschirm. Plötzlich verließen beide den Raum, eine sagte nur: „Es gibt Dinge, die nicht lebenswert sind.“ Verblüfft, verwirrt und beunruhigt blieben wir alleine zurück. Wir wussten nicht, was das heißen sollte und es wurde uns auch nicht erklärt. Wir bekamen nur eine Überweisung für eine Klinik zur Pränatal-Diagnostik in die Hand, dort sollten wir einen Termin machen. Benommen und aufgewühlt kamen wir zu Hause an. Die Worte lagen schwer in uns. Gerade in dieser Nacht spürte ich Clara das erste Mal richtig heftig in meinem Bauch. Ich war so unendlich traurig, denn ich wusste schon, dass wir im Abschied sind.

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Am nächsten Tag wurde in der Pränatal medizinischen Untersuchung aus den unheilvollen Worten Gewissheit. Unsere Clara war so besonders, dass sie außerhalb meines Bauches nicht überleben konnte. Das war krass und endgültig. Obwohl die Entscheidung sie zu verabschieden feststand, mussten wir trotzdem 3 Tage gesetzliche Bedenkzeit abwarten, bis die Schwangerschaft abgebrochen, bzw. die Geburt eingeleitet werden konnte. Das war schwer auszuhalten und einen Ausweg gab es nicht. Clara konnte nicht mit uns ins Leben gehen, Punkt. Am liebsten hätte ich Clara einfach bei mir im Bauch behalten, denn dort ging es ihr gut.

Nach langen 3 Tagen waren wir an einem Montag in der Klinik und warteten. Wir wurden in ein Zimmer mit einem Regenbogen an der Tür untergebracht und da kam Birgit zu uns. Sie bereitete uns auf diese Achterbahn vor, ging mit, bis es soweit war und ich Clara geboren hatte. Wir begrüßten Clara, um sie gehen zu lassen, sie half uns Clara zu verabschieden. Was für ein Wahnsinn, alles auf einmal, alles in einem Moment.

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Dann kam die Zeit danach, geprägt von dunklen Gedanken. Ich fühlte mich einsam. In uns kreisten Gedanken, ob wir vielleicht nie ein gesundes Kind haben würden? Trotzdem begegneten mir wundervolle Menschen, die mir durch diese Zeit geholfen haben, die mir Struktur gaben. Es gab Tage, da war selbst der Weg zum Arzt zu viel. Menschen überhaupt waren mir zu viel. Und dann gab es wieder Tage der Hoffnung, gefüllt mit Sehnsucht und Wünschen.

Und irgendwann gab es plötzlich diesen Moment: ich war schwanger. Wie eingeschlichen und ohne Vorwarnung, ich war in der 10. SSW. Einfach so war „ER“ da!

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Ein Seiltanz begann! Einfach nur freuen ging gar nicht. Ich war in einem Karussell zwischen hoffen, wünschen, beten, Angst haben und vertrauen wollen völlig gefangen. Jeder Tag, jede Woche kostete Kraft und ich lauschte nach innen. Ärzte, denen ich vertraute, ließ ich drauf schauen. Meine Ärztin, die mich krankgeschrieben hatte, überzeugte mich mit Nachdruck, lieber länger krankgeschrieben bleiben, als voreilig in die Arbeit zurückzukehren, nur, „weil es sich so gehört“. Ich bin immer noch froh, dass ich mir die Zeit genommen habe. Ich wartete ab und gönnte mir jede Untersuchung, die mir aufgrund des Verlustes von Clara zustand, lieber mehr als weniger.

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Niemals wieder wollte ich mein Bauchgefühl überhören. Niemals wieder wollte ich mir einreden lassen, dass nicht ich am besten weiß, was mit mir und meinem Kind ist. Wenn ich zu unruhig war, rief ich meinen Arzt an. Seit Clara hatte ich endlich Ärzte, denen ich mich anvertrauen mochte. Als hätte Clara sie mir in ihren letzten Minuten geschickt, so habe ich es empfunden. Ich fühlte auch Clara jetzt in der neuen Schwangerschaft ganz nah bei mir. Sie war mit auf dem Weg, als wollte sie ihren Bruder gemeinsam mit uns und meinen Vertrauten in die Welt begleiten.

Babyfüße umschlossen von elterlichen Hände

Ich hörte auf mein Innerstes und wünschte mir von Herzen, die Zeit möge schnell vergehen damit unser Sohn möglichst schnell bei uns hier in der Welt ist. Es war ein gutes Gefühl, die Verantwortung für sein Überleben und den Weg mit all den Ängsten zusammen mit seinem Vater teilen zu können. Unser „Ruhebringer“ wurde geboren, kam in unser Leben. Die Geburt war nicht leicht und am Schluss musste es doch ein Kaiserschnitt sein. Wir durchlebten eine Achterbahn der Gefühle. Aber unser Sohn brachte uns Freude und Licht und hatte seinen Schutzengel immer an seiner Seite.

Noah war einfach gesund. Aber ich habe in seinen ersten Wochen und Monaten sehr über ihn gewacht. Ich konnte nicht anders. Und es war auch nicht einfach alles gut, wie es gerne von außen wahrgenommen wurde. In mir war große Angst und Unruhe, dass er mir wieder genommen werden könnte. Ich brauchte wirklich Zeit. Die Angst war mächtig und gab erst nach mit seinem älter und selbstständiger werden. Mir half wirklich sehr, Ihn immer wieder so eindeutig lebendig zu erleben. Mein Zutrauen wuchs.

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Es brauchte 3 1/2 Jahre, bis wir innerlich geradezu entschlossen waren, es neu zu versuchen. Ich war sprachlos, weil ich einfach wieder schwanger wurde. Körperlich war alles leichter und auch das Geschehene hatte einen befriedeten Platz gefunden. Die Schwangerschaft war dann aber doch schwer, denn alles hatte einen zeitlich ähnlichen Ablauf wie bei Clara bekommen. Ohnmacht und Unruhe von „damals“ waren dadurch besonders präsent. Es war also auch eine kleine Dame in meinem Bauch, die hatte nicht nur den gleichen Monat als Schlüpf-Termin, sondern dazu fast den gleichen Stichtag wie Clara. Es war merkwürdig, in den gleichen Monaten die Untersuchungen zu haben.

Jeder Schritt war wie ein Schritt durch die Vergangenheit in die Zukunft.

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Ich war völlig irritiert. Mein Herz, mein Körper und meine Gedanken waren voller Angst und hell wach. Alles in mir wehrte sich dagegen, noch einmal ein so kleines Wesen verlieren zu können. Wir versorgten uns mit den vertrauten ärztlichen Händen. Für die letzte Gewissheit flogen wir sogar von Stuttgart nach Hamburg. In Stuttgart habe ich seelischen Beistand in einem Eutonie-Kurs gefunden. Einmal die Woche fand ich dort mit liebevollen Menschen Ruhe und Geborgenheit. Niemand kannte mich mit meiner Geschichte und ich war einfach nur ich mit meinem dicken Bauch.

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So wurde diese Schwangerschaft der Abschluss einer langen, beschwerlichen Reise. Und irgendwie musste diese Reise scheinbar in der gleichen Klinik enden, in der Noah zu uns kam. Ich brauchte Gewissheit, ein gutes Gefühl und am liebsten eine natürliche Geburt. Mein Frauenarzt sagte aber ehrlich zu mir, warum ich mir das antun wolle, mit all dieser Angst vor dem Tag und um unser Kind. Es sei keine Schwäche, darum einen Kaiserschnitt machen zu lassen. Tatsächlich halfen mir seine Worte, um mit der Klinik diesen Weg zu verabreden, denn ich wollte lieber auf Nummer sichergehen. Am Tag selbst, als alles so nüchtern war, bereute ich es dann kurz. Aber als Greta in meinen Armen lag, fiel alles von mir ab und ich war einfach nur dankbar für diese Entscheidung.

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Unsere Reise ins Glück mit vielen Nebenstraßen haben wir in Hamburg abgeschlossen. In Stuttgart wäre es vielleicht einfacher gewesen, aber die Geburt von Greta in Hamburg war wie der stimmige Abschluss unserer Reise Familie zu werden, in ein „Happy End“.

Inzwischen wohnen wir alle fünf in Hamburg. Wir sind in Claras Nähe und wann immer uns danach ist, fahren wir mit dem Rad zu ihrer kleinen Wohngemeinschaft auf den Friedhof.

Sie ist ein lebendiger Teil von uns, auch wenn man es auf den ersten Blick nicht sieht, sind wir eine fünfköpfige, glückliche Familie.